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Ein unbequemes Theaterstück über die Frage nach dem Sinn des Lebens. Was bist du bereit für den Sinn des Lebens zu opfern? 

Am Dienstag und Mittwoch der letzten Maiwoche 2019 erlebten die Zuschauer der von Monika Dercks und Tilo Hennicke inszenierten Aufführungen von Janne Tellers nachdenklichem Theaterstück [alles] in der Aula des MEG einen Abend der besonderen Art. Die bohrenden Fragen des Stücks wurden durch die Interpretation des Bühnenbilds und das Spiel der Darsteller aus dem Deutsch/Kunst Kurs 9 nochmals präsenter und bohrender. 

Nach den Sommerferien kehren die Schülerinnen und Schüler einer 7. Klasse im kleinen Vorort Taering (Dänemark) wieder in ihren wohlgeordneten Schulalltag zurück. Der erste Tag nach den Ferien verläuft gewohnheitsgemäß, dann jedoch ändern vier Sätze [alles]. Kurz nach Beginn des Unterrichts verlässt Pierre Anthon den Klassenraum mit folgender kurzen wie schockierenden Erkenntnis: „Nichts bedeutet irgendetwas. Das weiß ich schon lange. Deshalb lohnt es sich nicht irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden.“Das sitzt! Und wie! Unter den Schülern wird es still. Stiller. Ganz still. Die Worte Pierre Anthons hallen unaufhörlich in den Köpfen der Kinder nach. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. [Alles] bleibt anders. Pierre Anthon verlässt das Schulgebäude, lebt fortan auf einem Pflaumenbaum, an dem seine Mitschüler Tag für Tag vorbeigehen und wirft abwechselnd unreife Pflaumen und verstörende Sätze auf die Schüler herab, die die Jugendlichen treffen und an den Rand der Sinnfrage drängen. Pierre Anthon tritt nun als großer und diabolischer Provokateur auf. Seine Sätze ranken sich dabei alle um eine Aussage: Es lohnt sich nicht etwas zu tun, weil nichts Bedeutung hat. „Denn [alles] fängt nur an, um aufzuhören. (…) Das Leben ist die Mühe überhaupt nicht wert.” 

Die gesamte Klasse, zu der auch die Ich-Erzählerin Agnes gehört, begegnet diesem Geschehen mit einer Mischung aus Argwohn, Aggressivität und tiefer Sorge. Könnte Pierre Anthon etwa recht mit seinen Äußerungen haben? („Denn irgendetwas hatte er begriffen. Auch wenn wir uns nicht trauten, das zuzugeben.”) Pierre Anthon erzielt mit seinen nihilistischen Wortgeschossen immer schwere Treffer, denn die vorbeiziehenden Jugendlichen fühlen sich zunehmend verunsichert in ihren Ansichten, in ihrer gesamten Existenz. Erst bewerfen die Jugendlichen Pierre Anthon mit Steinen. Als das nicht die erhoffte Genugtuung bringt, kommt ihnen eine perfide und radikale Idee – eine Art Spiel – in den Sinn. Die Angst vor dem Nichts fordert die Jugendlichen heraus, Pierre Anthon zu beweisen, dass dem Leben sehr wohl eine Bedeutung innewohnt. Nicht zuletzt um die eigenen leisen Zweifel im Keim zu ersticken, beschließen die Schüler, in einem stillgelegten Sägewerk einen „Berg aus Bedeutung“ zu errichten. Sofie hat die Idee, Gegenstände mit Bedeutung im Sägewerk zu sammeln. Dabei entwickelt sich die Regel, dass immer derjenige den nächsten bestimmen darf, der soeben einen Beitrag geleistet hat. Mehr und mehr greift das Gesetz der Überbietung: Je persönlicher, desto bedeutungsvoller. So wächst der „Berg der Bedeutung“ – und mit ihm wachsen auch Wut und Rachegefühle gegenüber Pierre Anthon, der [alles] ins Rollen gebracht hat.

Vielfältig variiert wurde die Frage nach Sinn und Bedeutung des Lebens auch durch viele Anspielungen oder die Übernahme anderer literarischer Texte zum Thema, etwa von Heines "Fragen" aus dem zweiten Teil des Zyklus "Die Nordsee", welcher Gedichte Heines aus den Jahren 1825-26 zusammenfasst:

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voller Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:

"O löst mir das Rätsel des Lebens,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen.
Häupter im Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andre
Arme, schwitzende Menschenhäupter -
Sag mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er kommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?"

Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.

Damit war die Frage aller Fragen an die Zuschauer weiter gereicht, die sich wohl zum größten Teil nachdenklich in der anbrechenden Nacht verloren.

 

 

[alles] über die Autorin Janne Teller

Kurzbiografie:

Janne Teller, geboren 1964 in Kopenhagen, arbeitete nach einem Studium der Ökonomie zunächst für die EU und die UNO an verschiedenen Orten der Welt. Seit 1995 ist sie als Schriftstellerin und Essayistin tätig. Bereits im Jahr 2000 ist ihr Buch „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ auf Dänisch erschienen und löste einen Skandal aus, der zu einem zeitweiligen Verbot an den Schulen des Landes führte. Weitere Romane für Jugendliche und Erwachsene folgten. Immer geht es um Gedankenexperimente, die existenzielle und gesellschaftliche Probleme aufwerfen. Der Paralleltitel zu „Nichts“ lautet „Alles – worum es geht“, eine Sammlung von Kurzgeschichten, die 2013 erschienen ist. Janne Teller lebt und arbeitet in Berlin und New York.

In einem Interview mit ZEIT ONLINE aus dem Jahre 2010 spricht Janne Teller über ihren hoch umstrittenen Jugendroman „Nichts. Was im Leben wichtig ist.“

ZEIT ONLINE:Um „Nichts“ hat es, seit das Buch im dänischen Original erschien, in Skandinavien eine heftige Kontroverse gegeben. Immer wieder wurde von Behörden versucht, das Buch aus dem Schulunterricht herauszuhalten. Zugleich bekam es auch einen Literaturpreis des dänischen Kultusministeriums.

Janne Teller:Ja, es ist schon erstaunlich, dass ein Buch heutzutage in Westeuropa derart bekämpft werden kann. Nicht wegen brutaler oder sexistischer oder verhetzender Inhalte, sondern nur wegen der Fragen, die es aufwirft. […] Die Hauptdebatte fand zwischen Pädagogen statt, von denen viele meinten, das Buch mute jungen Lesern zu viel zu. Witzigerweise ist „Nichts“ heute auf vielen Lehrplänen zu finden. Aber über Jahre gab es erbitterten Widerstand. Manche Lehrer sagten: Dieses Buch ist schädlich für junge Leser, weil es ihnen jede positive Einstellung zum Leben raubt. Das sehe ich völlig anders, und glücklicherweise habe ich recht. Junge Leute stellen sich alle fundamentalen Fragen ganz von allein. Es sind die Erwachsenen, die sich unwohl fühlen, wenn an der Lackierung all dessen gekratzt wird, was wir aus reinem Konformismus täglich mitmachen. Das, was Pierre Anthon und seine Mitschüler tun, ist doch, die Frage „Hat das Leben überhaupt einen Sinn“ in die Frage umzuformen, welchen Sinn es haben sollte.  

 

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